Geschichte

Die wechselvolle Geschichte der Kastanie im Innenterrain an der Prinzengracht...

Ca. 1850:
Die Kastanie wird gepflanzt im Innenterrein des Blocks, der nördlich an die Westerkirche angrenzt und zwischen Keizersgracht und Prinsengracht liegt. Hier ist die Stelle auf Google Maps.
 
1943/44:
Anne Frank schreibt in ihrem Tagebuch über die Kastanie, die sie als einziges Zeichen von Leben und Wechsel der Jahreszeiten von ihrer Unterschlupfadresse sehen kann.
 
1989:
Erste Bedrohung der Kastanie: die Anne Frank Stiftung hat Erweiterungspläne. Sie will ihr Gebäude an der Keizersgracht neben dem Anne Frank Haus verlängern bis dicht an den Baum. Darfür müssen Wurzeln gekappt werden. Bewohner wehren sich gegen diese Verletzung des Baumes. Der Plan wird schließlich nicht ausgeführt.
 
1993:
Sanierung des Bodens um den Baum herum im Zusammenhang mit einem Leck in einem Öltank und Übernahme der verantwortlichen Pflege des Baumsdurch den Stadtteil Centrum. In den Jahren danach erholt sich der Baum von dem Schaden, der durch die Bodenverschmutzung verursacht worden
ist.
 
Frühjahr 2005:
Der Stadtteil macht in einem Rundschreiben an die Bewohner bekannt, dass es der Kastanie schlecht geht. Bewohner fragen an Herrn Werner, Direktor der Firma Pius Floris Amsterdam, dem Betrieb, der im Auftrag des Stadtteils für den Baum sorgt, was gegen die Verschlechterung des Zustands des Baumes getan wird, z.B. Bodenverbesserung. Antwort: nichts.
 
Bewohner machen Knoblauchaktionen. Sie pflanzen in zwei Aktionen je tausend Knoblauchzehen um den Fuß der Kastanie. Knoblauch ist ein traditionelles antibakterielles Mittel zur Bekämpfung von Baumkrankheiten.
 
25 Juni 2005:
Die Kastanie wird abgetopt. Der Stadtteil lässt durch die Firma Pius Floris Amsterdam die Krone zurückschneiden. Der Baum ragt nun nicht mehr so weit über die Häuser hinaus und fängt dadurch weniger Wind. Die Gefahr von Umwehen wird dadurch verkleinert.

Februar 2006:

Umwohnende reisen nach Brabant zu Herrn Pius Floris, Gründer des Mutterbetriebs Pius Floris, Sie fragen ihn, ob es denn keine eine Behandlung für den Baumes gäbe. Oh ja, ist die Antwort. Kostenpunkt € 1000,- für ein Mittel, das er als hilfreiche Bodenverbesserung erachtet. Herr Werner, Direktor der Franchise-Firma Pius Floris Amsterdam, sagt zu, beim Stadtteil um Erlaubnis für eine solche Behandlung zu fragen. Eine positive Antwort kommt jedoch nicht trotz mehrerer telefonischer Nachfragen.
 
Herr Werner kündet kurze Zeit darauf eine Zugprobe an, wodurch die Stabilität des Baumes gemessen werden kann. Es werden Datum und Uhrzeit festgelegt. Doch dann wird die Zugprobe aus undeutlichen Gründen mehrere Male verschoben und schliesslich gestrichen. Telefonische Nachfragen über die Gründe hiervon durch die Bewohner über bleiben unbeantwortet. Besteht kein Interesse mehr an der Überprüfung der Stabilität?
 
13. November 2006:


Ab diesem Datum wird die Sache dramatisch. Die Umwohnenden werden vom Stadtteil Zentrum zu einer  Informationsversammlung eingeladen. Es wird eine Untersuchung der Firma Pius Floris Amsterdam präsentiert. Die Untersuchung gipfelt in der Schlussfolgerung, dass der Baum gefällt werden muss.
Die Bewohner fragen, ob der Untersuchungsbericht auch durch den Hauptstädtischen Baumkonsultenten Hans Kaljee unterschrieben wird.Die Antwort ist, dass Kaljee an der Untersuchung und der Schlussfolgerung beteiligt war. Aber als die Bewohner einen Tag später den Baumkonsultenten persönlich fragen, zeigt sich, das dieser von nichts weiß. Auf derselben Versammlung bitten die Bewohner auch, eine second opinion machen zu lassen, da eine einzige Untersuchung eine sehr schmale Basis für einen solchen Beschluss ist. Das wird jedoch von Stadtteil als nicht nötig erachtet.
Aus den Morgenzeitungen des nächsten Tages wird ersichtlich, dass merkwürdigerweise bereits die gesamte internationale Presse über die Notwendigkeit des Fällens informiert worden war.
 
20. November 2006:
Der Stadtteil publiziert den Antrags zum Fällen des Baumes im Stadtanzeiger. Die Bewohner worden per Brief davon informiert und darauf hingewiesen, dass die Antrag zum Fällen bis zum 18. Dezember im Rathaus zur Einsichtnahme ausliegt.
 
18. Dezember
Bewohner reichen beim Stadtteil Zentrum Beschwerdebriefe gegen das Fällen des Baums ein.
 
6. März 2007:
Die eingereichten Beschwerdebriefe hindern den Stadtteil nicht daran, dem Eigentümer Herrn Pomes eine definitive Erlaubnis zum Fällen de Anne Frank Baums zu erteilen.
 
24. März 2007:
Eine Initiativgruppe von Bewohnern organisiert im Nachbarschaftszentrum Jordan ein Colloquium über den Anne Frank Baum. Ein Panel von 12 Experten aus den gesamten Niederlanden diskutiert den Untersuchungsbericht der Firma Pius Floris und ist einstimmig der Meinung, dass der Baum nicht gefällt zu werden braucht. Konservierende Maßnahmen und Verankerung sind mögliche Alternativen.
 
April 2007:
Die Aktionsgruppe von Bewohnern organisiert eine alternative Untersuchung durch den sehr renommierten englischen Spezialisten für alte Bäume Neville Fay, der eine differenzierte Untersuchungsmethode verwendet als die Firma Pius Floris. Das Resultat fällt positiv für den Baum aus.
 
Mitte April 2007:
Erneut reichen einige Bewohner und dieses Mal auch die Niederländische Baumstiftung  beim Stadtteil Beschwerde ein gegen die erteilte Erlaubnis zum Fällen. Zusätzlich beantragen sie bei Gericht eine Einstweilige Verfügung, um die Ausführung des Fällens aufzuschieben. Das Gericht meldet einige Tage später per Brief, dass der Eigentümer des Baumes Herr Pomes, der nun die Erlaubnis zum Fällen hat, hat wissen lassen, dass er die Erlaubnis nicht zur Anwendung bringen werde bis das Urteil der Beschwerdeschriftenkommission des Stadtteils bekannt gemacht ist. Hierauf wird die Einstweilige Verfügung zurückgezogen.
 
Mai 2007: 
Die Beschwerdeschriften-Kommission des Stadtteils führt eine Anhörung zu den eingereichten Beschwerdebriefen durch. Dabei kommt heraus, dass ein Rapport des Hauptstädtischen

Baumkonsulenten Kalje durch den Stadtteil absichtlich falsch zitiert worden ist: Der Rapport plädiert nämlich für weitere Untersuchungen anstellen von Fällen und führt die Mögiichkeit einer Stützkonstruktion an.
 
 

 

Sommer 2007:
Die Beschwerdeführer formen eine Arbeitsgruppe zusammen mit der Niederländischen Baumstiftung und beginnen mit der Ausarbeitung eines alternativen Plans zum Erhalt des Baumes.
 
18. September 2007:
Die Beschwerdeschriften-Kommission teilt den Beschwerdeführern per Brief mit, dass sie ihnen die Gelegenheit gibt, bis zum 1. Januar 2008 einen alternativen Plan vorzulegen.
 
Oktober 2007:
Im Auftrag der Niederländischen Baumstiftung wird eine Zugprobe am Baum wird vorbereitet. Diese soll am Mittwoch, den 14. November 2007 ausgeführt werden.
 
13. November 2007:
Am Abend dieses Tages, dh also am Vorabend der durch die Aktionsgruppe geplante Zugprobe, wird den Beschwerdeführern per Bote ein Brief der Beschwerdebriefen-Kommission gebracht, mit dem sie darüber informiert werden, dass mit Zustimmung des Eigentümers Herrn Pomes der Baum kurzfristig gefällt werden wird wegen akuter Gefahr des Umstürzens (!). Zur Unterbauung ist ein Untersuchungsbericht der Firma Pius Floris hinzugefügt, der im September 2007 gemacht wurde. Das Datum des Fällens wird mit 21. November angegeben.
 
14. November 2007:
Die Baumexperten der Niederländischen Baumstiftung  kommen wie geplant morgens an, um die Untersuchungsergebnisse der Firma Pius Floris mit ihren eigenen Untersuchungen zu überprüfen und sodann als zweites die Zugprobe durchzuführen. Kurz nach ihrer Ankunft erscheint jedoch ein Polizist, der ihnen mitteilt, dass sie sich illegal beim Baum befinden und sie auffordert, sich zu entfernen.
Die Zugprobe wird wegen vermeintlich akuter Gefahr bei ihrer Ausführung verboten.
Nach einem Gespräch zwischen dem 
Eigentümer des Baumes und dem Vertreter der Baumstiftung wird jedoch zugestanden, dass zumindest die Echolotuntersuchung durchgeführt werden darf. Das Ergebnis dieser Untersuchung zeigt, dass drei vorhandene Stützwurzeln stark genug sind, um das Gewicht des Baumes zu tragen. Das kann offensichtlich die Firma  Pius Floris Amsterdam nicht auf

 

sich sitzen lassen. Am Tag darauf wiederholt sie ihre Untersuchung vom September. Dieses Mal wird nicht anderthalb Monate mit der Bekanntgabe der

 

Ergebnisse gewartet, sondern werden die Beschwerdeführer bereits am Abend desselben Tages per Bote über die Ergebnisse informiert. Die Ergebnisse sind dieselben wie die des vorherigen Rapports. Der Termin des Fällen am 21. November wird noch einmal bestätigt.
 
 

19. November 2007:
Nach einigem Hin und Her erhält die Aktionsgruppe schließlich doch von dem Eigentümer, Herrn Pomes die Erlaubnis, die Zugprobe auszuführen. Kurz zuvor teilt der Stadtteil noch der Baumstiftung mit (nicht aber dem Eigentümer), dass der Stadtteil jegliche Verantwortlichkeit ablehnt.
Mehr noch: Sollte die Zugprobe ausgeführt werden, würde der Stadtteil sich dann überhaupt aus seiner Sorgepflicht für den Baum zurückziehen. Trotz dieser Drohung beschliesst die Aktionsgruppe, die Zugprobe noch an diesem Tage durchzuführen. Das Ergebnis: Der Baum widersteht desn Kräften, die per Seil auf ihn losgelassen werden.  Es erweist sich, dass er selbst Windstärke 12 aushalten könnte.
 
 

 

20. November 2007:
An diesem Tag steht die Anhörung vor Gericht über den Antrag der Einstweiligen Verfügung zur Unterlassung des Fällens an. Nach langer Anhörung der Parteien und selbst einer Besichtigung des Baumes fällt der Richter sein Urteil:  Der Baum darf vorläufig nicht gefällt werden. Die Initiativgruppe darf ihren alternativen Plan weiter ausarbeiten und erhält dafür bis Mitte Januar Zeit. Bedingung: Die beteiligten Parteien müssen zu einem gemeinsamen Plan zur Erhaltung des Baums kommen... Komischerweise geben, ungeachtet des Gerichtsurteils, der Stadtteil und die Anne Frank Stiftung eine Pressekonferenz, in der sie ihren Standpunkt der hochgradigen Gefahr wiederholen und den Bürgermeister zu einem Notfällen auffordern.
 

 
 

 

Dez. 2007 bis Februar 2008
Es beginnt ein langwieriges Mediationsverfahren unter Vorsicht von Eberhard van der Laan als Mediator (inzwischen seit Juli 2010 Bürgermeister von Amsterdam). Die Mediation ist deshalb so problematisch, weil es eigentlich keinen Kompromiss gibt: die Aktionsgruppe will, dass der Baum stehen bleibt. Der Stadtteil Zentrum und die Anne Frank Stiftung beharren auf ihrem Standpunkt 'Fällen'. Nach langem Tauziehen erklären sich letztere bereit, dem Erhalt zuzustimmen, wenn zwei Bedingungen erfüllt werden. 1. Die Aktionsgruppe hat ab Ende Febr. 2008 die volle Verantwortung für den Baum zu übernehmen, d.h. alle Kosten und Unterhalt in der Zukunft. 2. Es muss vor 31.Mai 2007 (dem Zeitpunkt, in dem der Baum voll im Blatt steht), eine Stützkonstruktion errichtet worden sein. Andernfalls will der Stadtteil am 1. Juni 2007 den Baum fällen. Die Bedingungen werden in einem Kontrakt festgelegt, den alle Beteiligten unterschreiben.
 
Nun befindet sich die Aktionsgruppe in einem raschen Zugzwang. Sie muss bewerkstelligen, dass innerhalb von 2 Monaten eine Stützkonstruktion errichtet wird, deren Kosten auf nahezu € 100.000 veranschlagt werden. Als erstes errichtet die Aktionsgruppe die Stiftung Support Anne Frank Tree, um im juristischen Sinne handlungs- und geschäftsfähig zu werden. Sodann wird Kontakt aufgenommen zu Baubetrieben. Das Wunder geschieht: eine Reihe von Baubetrieben, voran Van der Leij Bouwbedrijven und Gebroeder van Leeuwen, ein Pfahlgründungsbetrieb, erklären sich bereit, weitgehend auf eigene Kosten die Konstruktion zu bauen. Zügig geht man zur Sache. Die Konstruktion wird ausgearbeitet, das Gelände vorbereitet, der Bauablauf programmiert - die Hindernisse, die zu überwinden sind, sind zahlreich, zumal der Transport sämtlicher Materialien über die Dächer der umringenden Häuser geschehen muss. Aber es gelingt!
 
30. April 2008
Die Stiftung Support Anne Frank Tree lädt zu einer Pressekonferenz ein und kann melden, dass die Stützkonstruktion fertig gestellt ist. Grosses Aufatmen. In allen niederländischen und vielen ausländischen Presseorganen erscheint die freudige Nachricht.
 
Seit Mai 2008
Die Stiftung Support Anne Frank Tree hat nun zwei Aufgaben: die Versorgung des Baums und die Abbezahlung von Schulden - denn trotz grosszügiger Unterstützung durch die Baubetriebe sind Schulden übrig geblieben. Die Versorgung des Baums übernimmt eine Gruppe von engagierten niederländischen Baumversorgern, zur Seite gestanden durch einige international renommierte Baumexperten. Während die niederländische Gruppe die Kontrolle und Versorgung des Baums in kurzen Abständen durchführt, kommt die internationale Expertgruppe zweimal im Jahr zu einer Inspektion nach Amsterdam. 
 
 23.August 2010
Die Anne Frank Kastanie stürzt während eines Sturms mit heftigem Regenfall mit grossen Getöse nieder. Die Stützkonstruktion konnte den Baum nicht halten. Das umfangreiche Blattwerk, das er in diesem Jahr getrieben hatte, und das schwer von Regen war, war einfach zu viel Gewicht in den enorm starken Windböen, die in den Innenhof einfielen. Menschen kamen nicht zu Schaden, auch keine Gebäude, lediglich einige Zwischenmauern und Gartenlauben wurden niedergedrückt.
 

In den folgenden Jahren:

Zunächst bestand die Hoffnung, dass es vielleicht doch ein zweites Leben für die Anne Frank Kastanie geben könnte, denn seitlich begannen neue Sprösslinge aus dem übrig gebliebenen Stumpf zu sprießen. Die Stiftung Weltbaum nahm sich ihrer an. Einen kräftigen Sprößling wollten die Baumexperten der Stiftung Weltbaum auserwählen, weiter in die Höhe zu wachsen, sodass er der Anne Frank Kastanie solch ein zweites Leben geben könnte. An einem dicken Bambusstab hatten sie ihn hochgebunden, in der Hoffnung, dass er versorgt würde durch das riesige Wurzelsystem des alten Baumes. Bäume haben das ewige Leben, sagen manche Baumexperten, und wir wünschen uns, dass sie recht haben.
Doch die Hoffnung erfüllte sich nicht: der grosse, bedeutungsgeladene Baum konnte auch in seinem Seitentrieb dem tödlichen Pilz nicht standhalten.

Doch das bedeutet nicht das Ende. Denn der grosse, symbolträchtige Baum trägt nun seine Botschaft von Hoffnung, Toleranz und Respekt vor dem Leben in all seiner Unterschiedlichkeit weiter aus in seinen Sämlingen.

Seither:

Aus seinen Kastanien, die wir in jedem Herbst gesammelt haben, sind inzwischen Sprößlinge gewachsen, die ihren Antritt in die Welt genommen haben, kleine Bäume, die in verschiedenen Orten in der Welt, in feierlichen Zeremonien gepflanzt, heranwachsen zu lebendigen Mahnmalen des Gedenkens und des Aufrufs zu einer toleranten und friedlichen Welt, einer Welt, in der Rassismus und Unterdrückung durch niemanden mehr praktiziert und durch niemanden mehr akzeptiert werden.

In vielen Ländern, so in den Niederlanden, in Frankreich, in Spanien, in Deutschland, in den Vereinigten Staaten, in Südamerika, nicht zu vergessen auf der kleinen Mittelmeerinsel Korsika, wo die verfolgten Juden bei den Korsen ein heiliges Gastrecht genossen und kein einziger verraten wurde – überall haben die Nachkömmlinge des großen Baums Wurzeln geschlagen auf Plätzen, in Schulhöfen, in Museen und anderen bedeutenden öffentlichen Orten. Inzwischen hat sich die Stiftung Weltbaum dieser Aufgabe des Gedenkens angenommen. Sie steht bei Pflanzaktionen zur Seite und überwacht ihre Pflege, sodass sie als Weltbäume heranwachsen können in ein großes, bedeutungsvolles Baumleben hinein, nie je von einer Axt bedroht – als Symbole ungeschändeter Menschlichkeit.